In der Auto- Stau- und Abgashauptstadt Stuttgart regt sich Widerstand gegen die Übermacht des Motorisierten Individualverkehrs und dessen VertreterInnen in Verwaltung und Gemeinderat - die Vision der autofreien Innenstadt soll Wirklichkeit werden.

Stuttgart, wie wir es kennen

Wer „Stuttgart“ hört, denkt sofort an Daimler, Porsche und Bosch und damit an eines - das Auto und die autogerechte Stadt. Sprich: an die Ausrichtung der Stadt- und Verkehrsplanung am Motorisierten Individualverkehr (MIV) bei gleichzeitiger Unterordnung nichtmotorisierter Fortbewegungsarten, also Fußgängern und auch Radfahrern.

Gleichzeitig ist Stuttgart bundes- und europaweit bekannt als Stau - und Feinstaub- bzw. Abgashauptstadt. Die Zeit, die AutofahrerInnen in Staus verbringen, nimmt konstant zu. Der sogenannte „Parkdruck“ steigt. Um jeden Parkplatz in den Innenstadtbezirken wird verbissen gekämpft. Soll ein Parkplatz zugunsten eines Baumes weichen, ist der Aufschrei der AutofahrerInnen garantiert.

Dennoch ist auch in Stuttgart, in Teilen seines Gemeinderats und in der Verwaltung das Bewusstsein dafür gewachsen, dass das Auto nicht länger die Fortbewegungsart der ersten Wahl sein kann, gerade in Städten und bei Wegen von unter 5 km. Umfragen unter den StadtbewohnerInnen ergeben, dass sie sich weniger MIV, eine bessere Luft, eine grünere Stadt wünschen. Für Jüngere ist der PKW längst kein automatisches Muss bei Erreichen der Volljährigkeit mehr, ein hippes Fahrrad hat ihm schon längst den Rang als Statussymbol abgelaufen:

„Junge Menschen in Stuttgart fahren kaum noch mit dem Auto zur Arbeit oder zur Ausbildung“ – diese Erkenntnis zeigt die aktuelle Bürgerumfrage. Die Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) wird bei jungen Stuttgarter_innen immer beliebter: Waren es im Jahr 2005 noch 59 Prozent, die den Weg zu Arbeit oder Ausbildung mit dem ÖPNV zurücklegten, sind es zehn Jahre später schon satte 78 Prozent. Beim Auto sind die Zahlen für den gleichen Zeitraum deutlich rückläufig: Von 34 Prozent sinkt die Nutzung auf magere 14 Prozent. Auch die Zahl der zugelassenen Autos in der Altersgruppe 18 bis 25 ist seit dem Jahr 2000 um 76 Prozent zurückgegangen – im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der jüngeren Einwohner_innen um 13 Prozent, was verdeutlicht, welch enormen Bedeutungsverlust das Auto für die jüngeren Stuttgarter_innen hat. Betrachtet man den Zeitraum zwischen 2005 und 2015, so zeigt sich, dass alle Stuttgarter_innen deutlich häufiger die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. Die mit dem Fahrrad zurückgelegten Wege nehmen zu. Selbiges gilt auch für die der Fußgänger. Eine deutliche Abnahme verzeichnet hingegen die Nutzung des Autos als Verkehrsmittel. Die genannten Fakten zum Bedeutungszuwachs des Umweltverbunds verlangen nach einer städtebaulichen Sichtbarmachung.

Das Umweltbundesamt hat in der Studie „Umweltbewusstsein und Umweltverhalten junger Menschen“ vom Januar 2016 folgendes ermittelt: „Der Vorschlag, Städte und Gemeinden gezielt so umzugestalten, dass einzelne Personen kaum noch auf ein Auto angewiesen sind, sondern ihre Wege zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln erledigen können, findet bei jungen Leuten große Zustimmung, und zwar mit 84 Prozent noch etwas mehr als in der Gesamtstichprobe (82 Prozent).“

Aus dem Wegweiser der Kampagne Stuttgart Laufd Nai - (nachzulesen unter www.stuttgart-laufd-nai.de):

Anspruch und Wirklichkeit

Zwischen Bewusstwerdung und Taten der Stadt Stuttgart klafft aber nach wie vor eine große Lücke: Radwege werden nur dann - stückweise und scheinbar völlig planlos - gebaut, wenn sie dem MIV nichts wegnehmen, also entsprechend schleppend.

Der Fußverkehr wird besonders stiefmütterlich behandelt. Gehwege werden in Stuttgart bedenkenlos dem hier schon erwähnten Parkdruck geopfert: Querparken, hinkendes Parken sind Alltag. Autofahrerinnen, die auf Gehwegen parken, wird von Seiten der Ordnungsbehörden viel zu viel Verständnis entgegen gebracht - die Straßenverkehrsordnung wird in Suttgart mit einem großen „Ermessensspielraum“ ausgelegt und kaum umgesetzt. So parken in Stuttgart alle unbeanstandet um Kurven herum, die 5-Meter-Regelung existiert hier de facto nicht. Sämtliche Infrastruktur für den MIV - Parkscheinautomaten, E-Ladesäulen - wird auf den Gehwegen platziert. Illegales Gewehgparken ist selbstverständlicher Alltag. Dank fehlender Sanktionierung dieses Verhaltens schwindet bei immer mehr PKW-FahrerInnen zunehmend jegliches Unrechtsbewusstsein. Wie manch eine/r jemals seine Führerscheinprüfung bestehen konnte, fragt man sich oft.

Obwohl sich die Stadt Stuttgart schon vor Jahren mit einem Verkehrsentwicklungskonzept (VEK 2030) eine Selbstverpflichtung hin zu einer anderen, nachhaltigen Mobilität gegeben hat, das inzwischen durch einen Aktionsplan „Nachhaltig mobil in Stuttgart“ ergänzt wird, ändert sich in der Realität wenig. Die Autofahrerlobby sitzt immer noch fest im Stuttgarter Gemeinderat und verhindert nach wie vor wichtige Weichenstellungen in die richtige Richtung.

FUSS e.V. Stuttgart gründet sich

In dieser Situation und mit der Erkenntnis, dass Zu-Fuß-Gehende dringend eine Lobby brauchen, hat sich im Oktober letzten Jahres FUSS e.V. Stuttgart gegründet und ihre Arbeit aufgenommen. Mit der Überzeugung, dass nachhaltige Mobilität nie isoliert nach einzelnen Fortbewegungsarten - hier besonders Fuß- und Radverkehr - betrachtet und gefördert werden kann, waren und sind bei den Aktiven-Treffen der Gruppe immer auch Vertreter der Radfahrenden dabei. Das in Stuttgart übliche gegeneinander Ausspielen der beiden Fortbewegungsarten - besonders beliebt sind hier die Schilder „Fußgängerweg mit Fahrrad frei“ noch schlimmer „Fußgängerzone mit Fahrrad frei“ soll ein Ende haben. Fuß- und Radverkehr soll immer zusammen gedacht werden.

„Stuttgart laufd Nai“ wird geboren

Und wie so oft, wenn die Zeit für eine Idee reif ist, haben nahezu zeitgleich zur Gründung von FUSS e.V. Stuttgart zwei junge Stadträte im Stuttgarter Gemeinderat (Christoph Osazek, Die Linke und Luigi Pantisano; das Bürgerbündnis „Stuttgart Ökologisch Sozial“, SÖS) beschlossen, mit Hilfe von Stuttgarter BürgerInnen und Verbänden, endlich das in Gang zu bringen, was schon lange auf dem Papier steht, aber an den Autofahrerparteien im Rat bislang scheiterte: Eine Entwicklung hin zu einer nachhaltigen Mobilität und damit zu einer lebenswerteren Stadt. Als erstes Projekt planten sie die deutliche Ausweitung der Fußgängerzone in der Stuttgarter Innenstadt mit dem ersten Arbeitstitel „Stuttgart läuft“. Ziel: „Ein Paradies für Zu-Fuß-Gehende und Rad-Fahrende mit optimaler Anbindung an den ÖPNV im Herzen der Stadt“.

Zusammen mit einem noch zu schmiedenden Bündnis aus Stuttgarter Verbänden und Vereinen sollte ein Bürgerbegehren angestoßen werden, das in einen Bürgerentscheid münden sollte und damit Gemeinderat und Verwaltung endlich zu konkreten Taten zwingen sollte. Sie erarbeiteten ein wohl durchdachtes Konzept (zu finden unter www.stuttgart-laufd-nai.de), mit dem sie als erstes an die noch recht frische FUSS e.V.-Gruppe Stuttgart herantraten. Nach anfänglicher Diskussion innerhalb der Gruppe, welche Auswirkungen so eine Fußgängerzone auf die umliegenden Bezirke haben könnte (Stichwort: verstärkter Parksuchverkehr), war FUSS e.V. Stuttgart bereit, zusammen mit den beiden Stadträten, die auch nach und nach ihre jeweilige Gemeinderatsfraktion von der Idee überzeugen konnten, „Stuttgart Läuft“ auf den Weg zu bringen und weitere Verbündete ins Boot zu holen. Schnell kamen dazu: der BUND, der Nabu, der ADFC, die Radgruppe der Naturfreunde Stuttgart, ProBahn, die Anstifter .... um nur einige zu nennen - inzwischen unterstützen 21 Gruppen die Idee einer autofreien Innenstadt, die inzwischen recht schwäbisch mit „Stuttgart Laufd Nai“ daherkommt.

Wo es hinlaufen soll

Auszüge aus dem „Wegweiser“ der Kampagne zeigen, „wo's hinlaufen“ soll: „Innerhalb des Stuttgarter Cityrings soll das gesamte Straßennetz in eine Fußgängerzone umgewidmet werden. Dabei wird es folgende Sonderregelungen geben:

  • Die bisherigen Zu- und Durchfahrten für SSB-Busse (Rotebühlstraße, Schlossplatz, Schillerstraße) sind essentiell wichtig und bleiben erhalten. Somit ändert sich für den ÖPNV an den wichtigen Knotenpunkten nichts. Auch für Taxen wird es künftig Haltepunkte geben. Die City bleibt nach wie vor hervorragend an den Umweltverbund angebunden, Konflikte mit dem Kfz-Verkehr reduzieren sich, der Zugang zum Hauptbahnhof für Radler und Fußgänger wird deutlich attraktiver gestaltet.
  • Mit dem Radverkehrskonzept City wird es Bereiche geben, in denen die Radfahrenden unter sich sind, die Zu-Fuß-Gehenden unter sich sind, und welche, in denen gegenseitig Rücksicht genommen wird. Das Konzept gewährleistet, dass Radfahrende schnell und sicher durch das Stadtzentrum gelangen. Dies nicht nur auf den bereits freigegebenen Wegen, sondern in deutlich erweitertem Maß. Die vorhandenen wie geplanten Hauptradrouten werden einbezogen. Bestehende Parkdecks dienen als Parkmöglichkeiten für Fahrräder. Für das schnelle Abstellen gibt es an vielen Orten Abstellbügel unter freiem Himmel.
  • Der Lieferverkehr für den innerstädtischen Handel wird auch weiterhin gewährleistet. Jedoch werden die bestehenden Lieferzeiten künftig konsequent kontrolliert. Zudem streben wir die schrittweise Umsetzung eines Lieferverkehrskonzeptes City an, um mittels Mikrodepots und elektrifizierter Lastenräder den verbrennungsmotorbasierten und schweren Lieferverkehr deutlich zu reduzieren.
  • Alle oberirdischen Parkplätze für PKW und LKW werden im Zuge der Umwidmung zur Fußgängerzone umgewandelt. Breitere Gehwege, erweiterte Grünflächen, neue Stadtbäume, Stadtoasen, Kinderspielplätze, Urban Gardening, Straßencafés, Orte des freien kulturellen Austauschs – die Bürger_innen sollen entscheiden, was mit den freiwerdenden Flächen passiert. Neben einer Bürgerbeteiligung wollen wir eine Jugend- und Kinderbeteiligung, um sicher zu stellen, dass möglichst viele unsere Stadt nach menschlichem Maß nach ihren Bedürfnissen mitgestalten und die Identifikation mit dem neuen „Wohnzimmer“ der Stadtgesellschaft hoch ist.
  • Das Parkhauskonzept City sieht eine Umnutzung und städtebauliche Neuordnung der frei werdenden Stellplatz-Flächen vor. Teile der Flächen sollen als Fahrradparkhäuser genutzt werden, andere Teile als Lagerflächen für den Warenaustausch der Innenstadthändler. An oberirdischen Parkdecks sollen gemischte Wohn- und Gewerbequartiere neu entstehen. Die Parkhäuser, die direkt über den Cityring erreichbar sind, bleiben erhalten.“

Das Bündnis nahm im Frühjahr diesen Jahres seine Arbeit auf. Die Presse berichtete wohlwollend, der Oberbürgermeister entdeckte die „Vision der autofreien Innenstadt“ für sich und verkündete seine Sympathie dafür wiederholt. Noch bevor das Bündnis mit dem Sammeln der nötigen 20.000 Unterschriften, die für das Bürgerbegehren nötig sind - und die nach unserer Überzeugung schnell zusammengekommen würden - beginnen konnte, entdeckten zwei weitere Parteien (Grüne und SPD) im Stuttgarter Gemeinderat das Thema für sich und gossen es, stark abgeschwächt, in einen Antrag zu den anstehenden Haushaltsberatungen 2018/2019 in Stuttgart.

Die Fraktion der beiden Initiatoren der Idee für „Stuttgart laufd Nai“ (SÖSLinkePlus) wurden vom Bündnis beauftragt, einen neuem Antrag zu formulieren, der die Ziele von „Stuttgart Laufd Nai“ wiedergibt. Damit gingen sie in harte Verhandlungen - und erfolgreich daraus hervor!

Fazit

Schneller als ursprünglich gedacht - und schneller als über den Weg eines Bürgerentscheids - scheint es im Gemeinderat der Stadt Stuttgart nun eine Mehrheit zu geben für einen Antrag, der die Idee der Kampagne „Stuttgart Lauf Nai“ umsetzen möchte.

Entscheidende Abstimmungen müssen noch abgewartet werden. FUSS e.V. Stuttgart wird zusammen mit den anderen Bündnispartnern das Thema mit Veranstaltungen und Flyern in der Öffentlichkeit begleiten. Sollte die Umsetzung des Projekts „Stuttgart laufd Nai“ ins Stocken geraten, bleibt uns immer noch der Bürgerentscheid! Und weil die autofreie Innenstadt nur der Anfang sein kann, bleibt das Bündnis auch darüber hinaus bestehen. Es gibt noch viel zu tun, auf dem Weg zur „Lebenswerten Stadt für alle“.

In Kürze

FUSS e.V. Stuttgart macht sich zusammen mit anderen Verbänden daran, in Stuttgart eine weitgehend autofreie Innenstadt zu verwirklichen und gründete die Kampage „Stuttgart laufd Nai“. Dabei soll die bereits bestehende Fußgängerzone in der Innenstadt deutlich ausgeweitet und Fahrradstraßen und -wege integriert werden. Der ÖPNV soll darin erhalten und verbessert und die Logistik neu gedacht und geplant werden.

* Erklärung für die, die des Schwäbischen nicht mächtig sind: Der Schwabe „laufd“ (läuft), wenn er zu Fuß geht. Wenn er schnell „laufd“ dann „saut“ er :-) Deutungsmöglichkeiten, für „des laufd nai“: find ich super, gefällt mir. Weiter bedeutet es: „Kommt mir gerade recht“, also zum richtigen Zeitpunkt. Zu guter Letzt kann es auch noch ganz wörtlich im Sinne von „rein (also in die Stadt) laufen“ verstanden werden.

Mehr Infos:

www.stuttgart-laufd-nai.de/

www.facebook.com/stuttgartlaufdnai/

Twitter: @Slaufdnai

 

Dieser Artikel von Susanne Jallow ist in mobilogisch!, der Vierteljahres-Zeitschrift für Ökologie, Politik und Bewegung, Heft 3/2017, erschienen.

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