Nachdem die Konferenz Walk21 zwölf Mal in einer Stadt in einem Industrieland zu Gast war, in Europa, in den USA, Kanada oder Australien, betraten die Veranstalter Neuland mit einem sogenannten Schwellenland, nämlich Mexiko. Der Veranstaltungsort Mexiko-Stadt ist die Hauptstadt. Mit heute geschätzten 23 Mio. Einwohnern ist Mexiko-Stadt eine Megacity. Dort lebt etwa ein Viertel der mexikanischen Bevölkerung. Um mit dem Thema Gehen mehr Menschen zu erreichen und um eine größere Zahl von Teilnehmern anzusprechen, wurde die Konferenz mit einer Konferenz zum nachhaltigen Verkehr, („Transporte sustentable“ – so auch der Untertitel der Konferenz) der Organisation ctsEMBARQ México kombiniert. Die nächste Konferenz findet wieder in Europa statt und zwar in München (10–13.9. 2013).

Der Co-Veranstalter ctsEMBARQ ist vergleichbar mit der GIZ (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) früher GTZ (Gesellschaft für technische Zusammenarbeit), hat ihren Sitz in Washington und ist weltweit tätig.

Die Schwellenländer sind klimarelevant

Der Schwerpunkt der Konferenz lag auf Lateinamerika, die Europäer waren mit 20 Teilnehmern nur eine kleine Minderheit. Der Vortrag von Kurt van Dender vom ITF (International Transport Forum) zeigte auf eindrucksvolle Weise die Relevanz der Schwellenländer hinsichtlich der Mobilität für den Energieverbrauch und die Klimafolgen weltweit gegenüber den OECD-Ländern. Während bei letzteren inzwischen nicht nur peak oil diskutiert wird, sondern auch peak travel diagnostiziert werden kann, d.h. der Verkehrsaufwand geht tatsächlich einer Sättigung entgegen, werden für die Schwellenländer noch erhebliche Verkehrszunahmen erwartet. Die Europäer sind aber als gute Vorbilder für eine möglichst nachhaltige Mobilität gefragt. Schwer tun sich die lateinamerikanischen Verkehrsplaner aber, wenn das Benzin nicht wie hierzulande besteuert, sondern subventioniert wird. Dies ist z.B. in großem Maße im Erdölförderländerland Venezuela aber auch in Mexiko der Fall.

Eine große Rolle in Lateinamerika spielt BRT (Bus Rapid Transport) das heißt der Schnellbusverkehr. Schienensysteme sind dagegen kaum von Relevanz. Das liegt vermutlich an den geringeren Investitionskosten der Bussysteme, an ihrer größeren Flexibilität und an der Tatsache, dass auch in der Regel die meist staatlichen Eisenbahnen nicht mit den privaten Busgesellschaften beim Fernverkehr konkurrieren konnten bzw. können. Die Bedeutung der Bushersteller wurde auch auf der Ausstellung im Rahmen der Konferenz deutlich, bei der Dina oder Mercedes Benz mit langbeinigen Damen warben, wie man es sonst eher bei der IAA für Luxus-PKW kennt.

Schnellbusse für Mexiko-Stadt

Die Gastgeberstadt Mexiko-Stadt hat in den letzen Jahren verstärkt auf den Bau von Schnellbus-Systemen gesetzt, um den Verkehrsproblemen Herr zu werden. Der Metro-Ausbau erfolgt inzwischen verlangsamt. Er ist wesentlich teurer und kann mit dem Wachstum der Stadt nicht mithalten. Mit der Eröffnung der neuen Linie 12 in diesen Tagen ist das Netz derzeit ca. 225 km lang. Über die Hälfte der knapp 200 Stationen liegen unter der Erde. Jede Station wird von einem Symbol repräsentiert, das sich auf den Stationsnamen bezieht. Dies ermöglicht nicht nur Analphabeten die Orientierung, sondern stellt auch eine Erleichterung für Touristen dar. Die U-Bahnen sind häufig überfüllt. Inzwischen gibt es Abteile, die für Frauen und Kinder reserviert sind. Es gibt auch eine einzige Stadtbahnlinie („tren ligero“) nach Xiochimilco, die eingezäunt ist. Ausgerechnet hier haben die Mexikaner ein ausgeprägtes Sicherheitsbewusstsein entwickelt.

Der Stadtbusverkehr wurde lange Zeit weitgehend sich selbst überlassen. Der Busunternehmer bekam eine Konzession. Tragen musste sich der Verkehr selbst mit Barbezahlung beim Busfahrer. Der hielt an, wo Fahrgäste gewunken hatten. Schneller waren die Sammeltaxis (Colectivos). Das waren früher VW-Busse mit festen Routen, die ebenfalls durch Zuwinken angehalten werden konnten, in die sich oft mal bis zu 15 Personen drängten. Sie sind inzwischen ersetzt durch „Mikrobusse“, d.h. kleine Busse mit ca. 20 Sitzplätzen. Für die größeren Busse war es zunächst wichtig, dass sie feste Haltestellen bekamen, um die Fahrzeit zu reduzieren. Inzwischen durchqueren mehrere Metrobusse mit Gelenk- und Doppelgelenkbussen im 1-2-Minuten-Takt Mexiko-Stadt auf eigenen Busspuren. Auf den bis zu 12-spurigen Avenidas war es nicht allzu schwierig den Platz hierfür zu schaffen, wenn auch politisch sicher trotzdem nicht einfach. Im historischen Zentrum sind inzwischen ganze Straßenzüge weitgehend für einen sogenannten Metrobus reserviert. Eine Trolleybuslinie verkehrt bereits seit 1952.

Dicke Luft

Außerhalb des Stadtzentrums wurden die Straßen massiv ausgebaut, mit zahlreichen Fly-Overs etc. Der alltägliche Stau war damit natürlich nicht in den Griff zu bekommen. Dafür gibt es schon lange Restriktionen für den Kfz-Verkehr in Mexiko-Stadt, schon infolge der Umweltprobleme. Die Stadt war jahrelang bekannt für ihre schlechte Luftqualität. Die Höhenlage um 2.300 Meter über dem Meer führt u.a. dazu, dass die Verbrennungsmotoren der Fahrzeuge die Kraftstoffe nur suboptimal verbrannten. Hinzu kommt die Kessellage, den Luftaustausch beeinträchtigt. Die Stadt hatte sich mit Fahrverboten bezogen auf das Kfz-Kennzeichen beholfen. Auch heute noch dürfen private Fahrzeuge an einem Werktag in der Woche nicht bewegt werden. Alle sechs Monate müssen Fahrzeuge zur Abgaskontrolle. Alle haben Katalysatoren und es gibt nur noch bleifreies Benzin. In den letzten 10-15 Jahren wurden auch tatsächlich große Fortschritte erzielt. Schwarze Dieselrußwolken aus den Auspuffen von Lastwagen oder Bussen sind nicht mehr zu sehen. Die Feinstaub-Blastung in Mexiko-Stadt liegt unter der anderer mexikanischer Großstädte wie Toluca, Monterrey, Mexicali und Ciudad Juarez. Allerdings: Würde Mexico-Stadt in Europa liegen, gäbe es an 300 Tagen im Jahr Ozon-Alarm. Das Luftmessnetz mit 36 Stationen in Mexiko-Stadt hat übrigens die GTZ/GIZ aufgebaut.

Zu Fuß und mit dem Rad

Um die Situation zu vergessen, hat Mexikos Umweltministerin Martha Peraltea auch eine umfassende Fahrradstrategie entwickelt. Hierfür ist ein Radverkehrsnetz im Aufbau. Gemäß dem Vorbild New York gibt es bereits einige grün eingefärbte Radfahrstreifen. In der Zona Rosa (dem Geschäftszentrum) und im historischen

Zentrum ist seit wenigen Jahren ein öffentliches Fahrradverleihsystem (Ecobici – Ökorad) mit festen Stationen in Betrieb, mit dem inzwischen ca. 10.000 Fahrten pro Tag zurückgelegt werden. Moderne Fahrradrikschas sind schon seit längerem im Einsatz, um den Taxis auf kurzen Strecken Konkurrenz zu machen. Mit dem Motto „Muévete en bici“ (Beweg Dich mit dem Rad) hat Martha Delgado in den letzten drei Jahren hat vier Mio. Mexikanerinnen und Mexikaner in der Freizeit aufs Rad gebracht. Für das Radeln in der großen Gruppe werden Sonntags von acht bis 14 Uhr Straßen für den Kfz-Verkehr gesperrt. Dazu gehört auch ein Abschnitt des 12-spurigen Paseo de la Reforma. Martha Delgado wurde dafür bereits 2011 mit einem Preis der WHO bedacht und wurde am Ende der Konferenz auch für „Ecobici“ und „Muévete en bici“ in zwei verschiedenen Kategorien mit dem neu eingeführten Preis für „Movilidad amable“ (freundliche Mobilität) ausgezeichnet. Der Erfolg blieb auch auf der Straße nicht aus. Vereinzelt sieht man inzwischen auch Radfahrerinnen und Radfahrer in Buisiness-Kleidung durch Mexiko-Stadt radeln, vor einigen Jahren undenkbar.

Im historischen Zentrum, in dem auch die Tagung stattfand, wurde die Stadt auch für die Fußgänger aktiv – und darum geht es ja bei Walkt 21 in erster Linie. Vom Hauptplatz (Zocalo, Plaza de la Constitución) bis zum Alameda-Park und dem benachbarten Aussichtsturm Torre Latinamericano erstreckt sich eine ca. ein Kilometer lange Fußgängerzone in der Calle „Francisco I. Madero“, die Ihre Fortsetzung auf dem deutlich verbreiterten südlichen Gehsteig der Avenida Juarez findet, der gerade zur Konferenz fertiggestellt wurde. Nach der großzügig neugestalteten Querung des Paseo de la Reforma geht es über einem im Sinne der Idee von Shared Space gestalteten Bereichs weiter zur etwas höher gelegenen Plaza de la Revolucion. Der Bürgersteig befindet sich hier auf Fahrbahnniveau, von ihr abgetrennt mit massiven Steinpollern. Damit die Autos langsam fahren, werden sie zu Beginn des Bereichs mit den in Mexiko so beliebten „Topes“ (bauliche Bodenwelle) ausgebremst.

Allein diese neu gestalteten Straßenräume zeigen, dass das Thema Zufußgehen in Mexiko-Stadt präsent ist. Hinzu kommt, dass nach dem genialen Londoner Vorbild (Walking London) entwickelte Wegweisungssystem im Stadtzentrum: Auf Stelen sind kleine Stadtpläne aufgebracht, oben ist die Fortsetzung in der Richtung in die man blickt, unten ist der Bereich hinter dem Betrachter. Konzentrische Kreise zeigen, wie weit man in fünf, zehn und fünfzehn Minuten kommt. Auf der Stele befinden sich auch Tabellenwegweiser mit wichtigen Zielen in der Nähe. Weit verbreitet sind Ampeln, die die Sekunden abzählen, wie lange es für die Fußgänger noch rot bzw. grün ist. Über die Stadtautobahnen führen in recht dichten Abständen Fußgängerstege, die freilich nicht barrierefrei sind. Auch die wichtige Funktion von Freiflächen rückt in den Blick. Nachdem in den letzten Jahren der Chapultepec-Park erneuert wurde, wird nun der Alameda-Park herausgeputzt.

Bürgerengagement

Auch eine Fußgängerorganisation hat sich in Mexiko-Stadt gegründet. Sie ist derzeit auf Mexiko-Stadt begrenzt und heißt „México camina“ (Mexiko geht). Die Mitglieder sind wie bei FUSS e.V. auch viele, die beruflich mit Stadt- und Verkehrsplanung zu tun haben bzw. noch studieren. Die Vorsitzende Alejandra Leal ist auch international tätig und präsentierte auf der Tagung eine Untersuchung, die sie auf den Philippinen durchgeführt hat.

Im Rahmen der (leider wenigen) Walkshops für die Konferenz wurden nicht nur Spaziergänge angeboten, sondern es gab auch die Möglichkeiten sich vor Ort an Aktionen zu beteiligen. Ein etwa zehnköpfiges internationales Team mit „Aktivisten“ aus Mexiko-Stadt, San Francisco, Wien und München machte sich auf, an einer ausgesuchten Kreuzung vorgezogene Gehsteige und einen Zebrastreifen aufzumalen und die vorgezogenen Gehsteige mittels kleiner Pflanzentröge aus Holzkisten zu sichern. Die mexikanischen Gastgeber hatten solche Aktionen schon öfter durchgeführt. Dies zeigte sich an der professionellen Vorbereitung – einschließlich einer richtig permanenten gelben Straßenfarbe. Leider war dieses Mal wohl die Polizei hartnäckiger als bei vorangegangenen Aktionen, so dass wir das Werk nicht richtig zu Ende bringen konnten. Aber die Diskussionen, die sich mit den Anliegern und Passanten ergeben habe, waren doch interessant. Vielleicht gibt es auf der nächsten Walk 21 in München von den Mexikanern einen Vortrag über diese Art von Aktionen.

Was es sonst auf der Tagung gab

Ein großes Highlights auf der Konferenz in Mexiko-Stadt war u.a der Vortrag von Janette Sadik-Khan. Die New Yorker Verkehrsministerin zeigte auf, wie New York City binnen kurzer Zeit Fahrbahnfläche in nutzbaren Freiraum umwandelte und über 200 Meilen Radstreifen markierte. Die ersten Erfolge konnte man auf der Walk21-Konferenz in New York 2009 bereits besichtigen. Jim Walker von Walk21 erläuterte die große Vielfalt nahezu ausschließlich nicht-investiver Maßnahmen (insgesamt 90 active-travel-plans), die zu den olympischen Spielen in London durchgeführt wurden, um eine möglichst große Anzahl von Besuchern zu motivieren, zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu kommen. Meleckizedeck Khayesi von der WHO ging auf die hohen Zahl von Opfern im Fuß- und Radverkehr insbesondere außerhalb der OECD-Länder ein. Andrew D. Steer vom World Resources Institute (WIR) präsentierte die unglaubliche Zahl, dass weltweit ca. 409 Mrd. Dollar eingesetzt werden um Benzin/Diesel zu subventionieren. Dem stehen lediglich 66 Mrd. Subventionen für Erneuerbare Energien gegenüber.

Aus der Fülle der Vorträge bei den Workshops möchte ich nur einen herausgreifen, nämlich den von Christopher Zimmerman aus Washington mit dem Titel „Comunidades caminables y viviendas accesibles – Walkable Communities and affordable Housing. Er erläuterte mit dem großen Selbstbewusstsein der lokalen Ebene eines Stadtbezirks von Washington, wie sich lokale Politik den Ausbau eine Stadtbahn vorstellt, die Verbesserungen für das Gehen und für den Öffentlichen Verkehr bewirkten. Sie soll einhergehen, mit einer Nachverdichtung, die unter Verwendung eines klugen Modells den sozialen Ansprüchen des Gremiums genügt und nicht eine so häufig beklagte Gentrifizierung beflügelt. Der Stolz auf die ansässigen ca. 50 Nationen und der politische Konsens, dass die hier wohnende und arbeitende Bevölkerung auch zukünftig in dem Bezirk wohnen können soll, war beidruckend und ungewöhnlich für die Vereinigten Staaten. Für die weitern Workshops kann ich nur auf die Kongressedokumentation auf der Internetseite von Walk verweisen

Aufwiedersehen in München

Der Abschluss der Tagung wurde mit einem großen Dinner im Tanzpalast „Los Angeles“ gefeiert. Vier Orchester hintereinander spielten Salsa, Cha Cha Cha und Cumbia – und der Kongress tanzte. Teil der Tagung war ja auch das Handover von Méxiko nach München. Insbesondere hinsichtlich des Abschlusses wurden hier hohe Standards gesetzt. Da werden wir uns in München anstrengen müssen. Aber nicht nur deswegen wird es sich lohnen nach München zu kommen.

Info:

Kongressedokumentation www.walk21.com

Fußgängerzone Madero Video

 

Dieser Artikel von Paul Bickelbacher ist in mobilogisch! , der Vierteljahres-Zeitschrift für Ökologie, Politik und Bewegung, Heft 4/2012, erschienen. 

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