Ein Beitrag zum kommunalen Klimaschutz

Tübingen ist in Sachen nachhaltige Mobilität kein ganz unbeschriebenes Blatt. Eines von bundesweit zwei gelungenen Beispielen einer autoarmen Stadtquartiersentwicklung ist dort zu besichtigen. Das Französische Viertel wurde nach dem Abzug der französischen Garnison behutsam zu einem Quartier entwickelt, in dem sich Wohnen und Gewerbe, Alt- und Neubau mischen. Hier dominiert auf der Straße nicht das Auto, geparkt wird in Quartiersgaragen, für Fußgänger und Radfahrer und auch zum Spielen und Sitzen bleibt viel Platz.

Tübingen ist geprägt durch die Universität. Fast ein Viertel der 82.000 Einwohner sind Studenten. Universität und Universitätsklinikum sind die größten Arbeitgeber der Stadt. Charakteristisch für Tübingen sind die lebendige Diskussionskultur und das hohe Engagement des Bürgertums. Alles sehr gute Voraussetzungen, um beim Klimaschutz im Stadtverkehr etwas zu wagen.

Bereits heute bewegen sich die Tübinger recht umweltfreundlich. Im Binnenverkehr dominiert mit 3/4 aller Wege der Umweltverbund, d.h. man geht zu Fuß, fährt Rad oder nutzt den ÖPNV. Im Stadt-Umland-Verkehr hingegen überwiegt der motorisierte Individualverkehr (MIV) mit 75% sehr deutlich. Über 20.000 Berufs- und Ausbildungspendler kommen täglich in die Stadt.

Mit der Kampagne „Tübingen macht blau“ engagiert sich Tübingen für den Klimaschutz. Für den Verkehr in der Stadt setzte sie sich ein ehrgeiziges Ziel: bis 2030 sollen dessen CO2-Emissionen halbiert werden. Das Klimaschutzprogramm der Bundesregierung, das die Erstellung und Umsetzung von Klimaschutzkonzepten fördert, kam hier gerade recht. Unterstützt durch dieses Programm beauftragte die Stadt im Herbst 2009 das Institut für Mobilität der Universität Kaiserslautern (imove), ein Konzept für den Verkehr zu erarbeiten. Anfang November 2010 wurde dieses Konzept der Öffentlichkeit vorgestellt. Wer Zweifel hatte, ob ein so weitreichendes Ziel im Verkehr erreichbar ist, wurde eines besseren belehrt. Imove errechnet in einem Nachhaltigkeitsszenario ein CO2-Einsparpotential von 52%, erreichbar mit bereits existierenden, wohlbekannten Instrumenten. Dabei kommt den Bemühungen der Stadt allerdings die Effizienzentwicklung bei den Pkw entgegen. Allein durch sparsamere Automotoren werden die CO2-Emissionen des Stadtverkehrs bis 2030 schon um 25% sinken. Für weitere 27% ist dann aber ein komplexes Bündel von Maßnahmen notwendig.

Mobilitätsmanagement und Ausbau des regionalen Schienenverkehrs

Da der größte Teil der CO2-Emissionen aus dem Stadt-Umlandverkehr stammt, setzen die erfolgversprechendsten Maßnahmen dort an. Ein umfassendes Mobilitätsmanagement zielt auf die Verkehrsmittelwahl der Berufspendler sowie der nach Tübingen einpendelnden Schüler und Studierenden ab. Das Mobilitätsmanagement stößt auf große Resonanz bei den großen Arbeitgebern und gehört zu den Maßnahmen, die als erstes umgesetzt werden sollen.

Das Mobilitätsmanagement kann nur funktionieren, wenn es gute Alternativen zum MIV gibt. Der städtische Busverkehr bietet bereits heute ein gutes Angebot. Verbesserungsvorschläge beziehen sich auf eher „weiche“ Maßnahmen wie Anschlusssicherung, Aufwertung der Haltestellen, Fahrgastinformationen und Vereinfachung der Tarifstruktur.

Anders sieht es beim regionalen ÖPNV aus. Die Verbesserung der regionalen Erschließung durch öffentliche Verkehrsmittel hat ein großes CO2-Minderungspotential, weil im Stadt-Umland-Verkehr die meisten Wege mit dem Auto zurückgelegt werden. Gleichzeitig besteht hier ein großer Investitionsbedarf. Das Schienennetz – heute teilweise nicht elektrifiziert und eingleisig – muss ausgebaut werden. Es sind zusätzliche Haltepunkte nötig. Der Zubringerverkehr zur Schiene ist vielerorts zu verbessern. Beim Regionalverband Neckar-Alb liegen Vorschläge zum Ausbau des regionalen Schienennetzes vor. Danach könnten die Fahrgastzahlen des ÖPNV in der Region um etwa 10% gesteigert werden. Eine Nutzen-Kostenbewertung fiel positiv aus. Der Ausbau des Schienennetzes ist eine sehr langfristige Maßnahme, einzelne Verbesserungen wie zum Beispiel die Einrichtung zusätzlicher Haltepunkte wären jedoch auch schon mittelfristig realisierbar. Auf jeden Fall sind jedoch Abstimmungen in der Region und mit dem Land Baden-Württemberg erforderlich.

Dagegen kann die Stadt beim Ausbau der Schnittstellen im multimodalen städtischen Verkehr schon relativ kurzfristig aktiv werden. Der Ausbau des Bahnhofs zur Drehscheibe, auf der Bahn und Bus perfekt verknüpft sind und der Umstieg zum Rad oder Car-Sharing komfortabel möglich ist, ist eines von drei Leitprojekten, mit denen die Umsetzung des Konzepts beginnen soll.

Mehr Lebensqualität im Stadtraum

In der Diskussion um eine nachhaltige Mobilität ist immer wieder die Rede von der Notwendigkeit einer anderen Mobilitätskultur, vom Paradigmenwechsel in den Köpfen, ohne die der Wandel nicht möglich ist. Das Tübinger Projekt kommt dem in mehrfacher Hinsicht nach. Von Anfang an war der Anspruch, dass die Umgestaltung des Stadtverkehrs zu einem Klima schonenden System mit einem Zugewinn an Lebensqualität für die Bewohner der Stadt einhergehen muss. Das Konzept legt dementsprechend viel Wert auf Maßnahmen, die veränderte Prioritäten sichtbar und erlebbar machen. In der „blauen Zone Innenstadt“ soll Mobilitätskultur mit hohem Komfort für Fußgänger und Radfahrer ausprobiert und erlebbar werden. Auch auf den Hauptverkehrsstraßen soll die Dominanz des MIV vermindert werden.

Vier Leitprojekte zum Einstieg

Alles in allem weist das Konzept eine Vielzahl von Maßnahmen aus den Bereichen Siedlungsentwicklung, ÖPNV und Multimodalität, Stadtraum und Verkehr sowie Mobilitätsmanagement aus. Um den Einstieg in die Umsetzung zu erleichtern, wurde für jedes Maßnahmenpaket aufgeführt, welche Einzelmaßnahmen in den nächsten fünf Jahren ergriffen werden sollen. Des Weiteren werden vier Leitprojekte vorgeschlagen. Die Leitprojekte sollen dem Projekt Schwung verleihen und „Farbe“ geben. Die Farbe blau nimmt bewusst Bezug zur erfolgreichen Energiesparkampagne „Tübingen macht blau“. Mit der Realisierung der Leitprojekte wurde teilweise schon begonnen.

Leitprojekt I: Drehscheibe blaue Mobilität am Hauptbahnhof

Der Hauptbahnhof als Tor zur Stadt soll so umgestaltet werden, dass der Aufenthalt angenehm, der Zugang zu den Bahnsteigen sowie die Verknüpfung zwischen Bahn, Bus, Fahrrad und Car-Sharing einfach und komfortabel ist. Eine Mobilitätszentrale und ein Fahrradverleih sollen eingerichtet werden. Die Fußwegverbindung zur Innenstadt soll attraktiver werden.

Leitprojekt II Blaue Betriebe

Durch ein umfassendes Mobilitätsmanagement bei den großen Arbeitgebern sollen die Beschäftigten zum Umstieg vom Auto auf den Umweltverbund angeregt werden. Ein bei der Stadt oder dem Verkehrsbetrieb angesiedelter Mobilitätsmanager soll die Unternehmen beim Aufbau je einzelner Angebote im betrieblichen Mobilitätsmanagement beraten.

Leitprojekt III: Blaue Zone Innenstadt

Die Innenstadt soll ein Modell für nachhaltige Mobilität werden: Der öffentliche Raum soll zu einem Bereich werden, in dem vor allem Kommunikation und urbanes Leben stattfinden. Fußgänger und Radfahrer werden hier ideale Bedingungen finden, sparsame Stadtautos könnten von günstigen Parkplätzen profitieren.

Leitprojekt IV: Fahrradstadt Tübingen

Das Mobilitätsklima zu Gunsten des Fahrrades soll noch besser werden. Das Fahrradroutennetz wird aus- und teilweise umgebaut. Für das Radparken wird ein Maßnahmenkonzept erstellt. Wichtiger Bestandteil des Projekts ist die Kooperation mit Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen.

Projektarchitektur und Beteiligung

Ein Projekt wie das Tübinger Klimaschutzprojekt für den Verkehr hat nur eine Realisierungschance, wenn es breite Unterstützung erfährt. Und zwar aus der Stadt- bzw. Verkehrsplanung ebenso wie von Seiten der Politik und der Bürgerschaft. Der Oberbürgermeister Boris Palmer unterstützte das Projekt, benannte den Klimaschutzbeauftragten der Stadt als Projektleiter und richtete eine Steuerungsgruppe aus in- und externen Mitgliedern ein.

Beschluss des Gemeinderats

Der Plan für das Projekt wurde dem Gemeinderat vorgelegt, der im März 2010 einen Beschluss über Leitziele für die künftige Entwicklung fasste, an denen sich das Projekt orientieren sollte: Die Kohlendioxidemissionen aus dem Verkehrssektor sollen bis 2030 halbiert, die Erreichbarkeit der täglichen Mobilitätsziele für alle Bürgerinnen und Bürger gesichert, die Stadt- und Wohnqualität verbessert, Wissenschaft und Wirtschaft in den Stadtteilen, der Innenstadt und den Quartieren gestärkt und die Kosten durch die Halbierung des Treibstoffverbrauchs bis 2030 reduziert werden.

Unterstützung durch Projektbeirat

Ein Beirat stand dem Projekt beratend zur Seite. Ihm gehörten der Oberbürgermeister, Vertreter der Stadtverwaltung, die Vorsitzenden der im Gemeinderat vertretenen Parteien, Vertreter der Universität und des Klinikums sowie der Wirtschaft und des aktiven Bürgertums an. Das Umweltbundesamt, das bereits am Zustandekommen des Projekts mitwirkte, war am Beirat ebenfalls beteiligt.

Beteiligung der Öffentlichkeit

Drei Workshops während der Konzeptphase boten die Gelegenheit, einzelne Themen und Lösungsvorschläge zu vertiefen. Im Januar 2010 diskutierten zum Beispiel mehr als 40 Teilnehmer über Möglichkeiten zur Verbesserung der Bedingungen für den Fuß- und Radverkehr.

Das fertige Konzept wurde mit einer Tagung der Öffentlichkeit vorgestellt. Hier konnten die Teilnehmer in Untergruppen auch bereits über die ersten Umsetzungsschritte diskutieren.

Sowohl über den Projektbeirat als auch die Workshops und die Abschlusstagung wurde ein Netzwerk potentieller Kooperationspartner und Unterstützer für die Umsetzungsphase geknüpft.

Auf dem Weg zum klimafreundlichen Stadtverkehr hat Tübingen bisher alles richtig gemacht. Damit ist Tübingen ein gutes Modell für andere Städte, die einen ähnlichen Weg einschlagen wollen. Bleibt zu hoffen, dass die Umsetzung der Vorschläge ebenso gelingt.

 

Literatur:

  • Mobilität 2030 Tübingen: www.tuebingen.de/18039_28854.html
  • Haag, Martin, Henkel, Andrea et al.: Mobilität 2030 Tübingen. Abschlussbericht der Pilotphase im Projekt „Nachhaltiger Stadtverkehr Tübingen“. Noch nicht veröffentlicht.
  • Umweltbundesamt 2010: www.uba.de > Verkehr > Leitfaden Klimaschutz im Stadtverkehr
  • Förderprogramm des Bundesumweltministeriums zum kommunalen Klimaschutz: www.kommunaler-klimaschutz.de

 

Dieser Artikel von Hedwig Verron, Umweltbundesamt UBA, ist in mobilogisch! , der Vierteljahres-Zeitschrift für Ökologie, Politik und Bewegung, Heft 1/2011, erschienen.

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