Texte mit Totalschaden

 

Unfallberichte von Polizei und Medien verharmlosen Raserei, beschuldigen Opfer und sind alles andere als neutral. Abhilfe ist möglich.

Unfallberichte der Polizei und in Medien erschrecken oft mit ihrem Inhalt. Zugleich verärgern sie mit ihrer Form: Da werden schwere, manchmal tödliche Fahrfehler und Leichtfertigkeiten verharmlost, Opfer direkt oder indirekt beschuldigt, Unfallhergänge aus der subjektiven Sicht eines Beteiligten, womöglich des Schuldigen dargestellt. Medien übernehmen das häufig 1 zu 1 – oder machen selbst entsprechende Fehler.

Das ist nicht nur ärgerlich und ungerecht, sondern provoziert geradezu gefährliches Fahren: Nicht der mutwillig Schnelle hat in solchen Darstellungen den Unfall verursacht, sondern der Ungeschützte, oft Überforderte. Riskante Fahrweisen erscheinen als legitim, ihre schrecklichen Folgen als schicksalhaft, nicht als vermeidbar durch vorsichtiges Fahren. 

Polizisten wie Journalisten begehen in ihren Unfallberichten teils schwere Verstöße gegen die Gebote der Neutralität und der Zurückhaltung gegenüber Opfern. Solche Verstöße prägen einen Großteil, wenn nicht die Mehrzahl aller Unfallberichte. Allerdings dürften sie selten bewusst-böswillig, sondern eher gedankenlos sein. Drei Ursachen liegen auf der Hand.

Die erste ist die schlichte Gewohnheit, vor allem bei Polizisten. Deren Kernkompetenz ist nicht das Schreiben von Berichten mit hohen Standards. Wer zum Beispiel in seiner Nachtschicht einen schweren Unfall aufnehmen, vielleicht auch noch Angehörige oder Hinterbliebene benachrichtigen musste, dem fließen im Morgengrauen auf der Wache etablierte Floskel in den Bericht.

Dazu kommt die Windschutzscheiben-Perspektive. Polizisten sind vor allem auf das formale Einhalten von Regeln und auf die Optimierung des Autoverkehrs geschult. Und zumindest im Dienst erleben sie die Straßen viel häufiger im Auto als zu Fuß oder per Rad. Die Sichtweise von Autofahrern ist ihnen viel vertrauter als die von Fußgängern und Radfahrern; entsprechend bewerten sie oft unbewusst Unfälle. Und gerade bei Unfällen zwischen Autofahrern hier, Fußgängern oder Radfahrern dort wird das durch eine makabre Schieflage bei den Aussagen verstärkt: Die Autofahrer können meist noch reden, die anderen oft nicht.

Viele Journalisten haben ähnliche Sichtweisen und Probleme: Es muss schnell gehen; die Polizei erscheint als neutrale Quelle; man selbst ist oft viel per Auto unterwegs und die Formulierungen sind gängig. Manchmal aber geht das schmerzhaft daneben. So Anfang November 2018 bei der Mitteldeutschen Zeitung (MZ) in Halle. Ein Lastwagenfahrer war nach rechts abgebogen und hatte eine Frau auf dem Pedelec getötet. Die Ursache war klar, aber das Blatt fragte nicht nach Zeitdruck oder Überforderung von Lkw- Fahrern, sondern titelte: „Wie gefährlich sind Fahrräder mit Elektroantrieb?“

Das brachte der MZ eine Wutwelle auf Twitter ein: „Pietätlos“, „schreit nach Widerspruch“ und „victim blaming“, also Beschuldigen des Opfers nach dem Muster „Frau trug Minirock – vergewaltigt“. Die Mitteldeutsche Zeitung änderte online die Titelzeile in „Tod einer Radfahrerin“ und hob deutlicher das Lkw-Problem hervor – für viele Leser zu spät.

Drei Wochen später bog in Bonn ein Lkw-Fahrer ebenso rüde ab. Eine Radfahrerin wurde zwischen die Räder gestoßen; der Fahrer hielt an, kurz bevor er sie überrollt hätte. Dass sie knapp dem Tod entging, kommentierte der örtliche Rhein-Sieg-Anzeiger rheinisch-unbeschwert: „Die 45-Jährige hatte großes Glück und wurde bei dem Unfall nur leicht verletzt.“ Für den Verursacher fand das Blatt freundliche Worte: „Der Lkw-Fahrer erfasste die Unfallsituation und stoppte sein Fahrzeug sofort.“ (Was noch nicht einmal stimmt: „sofort“ wäre vor dem Unfall gewesen.)

Wie Abhilfe schaffen? In diesen und in anderen genannten Fällen protestierten Leser, wofür Redaktionen ziemlich hellhörig sind. Online-Texte wurden offen geändert; derartige Kritik ist oft auch Anlass für interne Sprachregelungen. Die durch ihre Verbreitung besonders einflussreiche und um Neutralität bemühte Agentur dpa kündigte nach Fehlgriffen an, ihre Unfallsprache selbstkritisch zu überprüfen. Es lohnt also, bei Medien gegen schlechte Berichte zu protestieren.

Bei der Polizei ist es schwieriger. Sprachlich wenig sensiblen Beamten verstehen oft gar nicht, was an ihren Texten falsch sein soll. Druck auf die Polizei zwecks sprachlicher Verbesserung ihrer Texte ist darum ein zähes Langfrist-Projekt. Einen Versuch habe ich mit einem im April erschienen Beitrag im Fachblatt „Polizei Verkehr Technik“ gemacht.

Im Branchenblatt „Journalist“ wartet ein ähnlicher Text auf den Abdruck. Er schlägt unter anderem vor, nach schweren Unfall den Ort aufzusuchen und nach Mängeln der Infrastruktur und der örtlichen Regeln zu überprüfen, die in aller Regel bei Unfällen eine Rolle spielen. Beklagt dann das Lokalblatt den fehlenden Übergang, die riskanten Ampelschaltung oder die chronischen Raserei an einem Ort, dann kann der Unfallbericht sogar ins Konstruktive gehen. Aus oft schrecklichem Anlass gibt er den Anstoß zu künftiger Sicherheit.

Roland Stimpel

 

Glossar der Sprach-Unfälle

Auto

Das Auto fuhr die Frau an.

Noch fahren Autos nicht von selbst. Es sitzt immer jemand am Steuer. Der hat sein Fahrzeug so gelenkt, dass es die Frau verletzte.

Bremsen

Fahrer konnte nicht mehr bremsen

Willkürliche Annahme. Konnte er objektiv nicht oder war er zu schnell, abgelenkt oder hoffte, das Kind würde schon nicht loslaufen? Meist weiß die Polizei das nicht, wäscht ihn aber sauber.

Dunkel gekleidet

Nachträgliche Opfer-Beschuldigung. Oft werden „dunkel gekleidete Fußgänger“ erwähnt, aber nur sehr selten Fahrer, die in der Dunkelheit ihre Geschwindigkeit nicht der schlechten Sicht anpassten.

Erfassen

Der Wagen erfasste die Seniorin

Verharmlosender Ausdruck für einen ziemlich rabiaten Vorgang. Der Wagen rammte, stieß, überfuhr sie.

Helm

Die Radfahrerin trug keinen Helm

Radfahrer-Beschuldigungs-Äquivalent zum dunkel gekleideten Fußgänger. Absurdestes Beispiel aus Hannover: Autofahrer fährt Radfahrer um, was dem die Schulter bricht. Bericht spricht von „Radfahrer, der keinen Helm getragen haben soll“.

Glück

Der Fußgänger hatte Glück, denn die Verletzung war nur leicht

Schwere Gefahr, Verletzung, Schock – das soll „Glück“ sein? Das Opfer hat das Unglück, auch noch so verhöhnt zu werden.

Plötzlich

Das Kind lief plötzlich auf die Straße

Subjektive Sichtweise. Die Polizei schildert den Unfall, als hätte der Beamte neben dem Fahrer gesessen. Nie liest man es umgekehrt: „Als das Kind die Fahrbahn überquerte, erschien plötzlich ein Auto.“

Sich verletzen

Der Radfahrer zog sich bei dem Sturz schwere Verletzungen zu

Ein Auto und sein Fahrer haben ihn zu Fall gebracht – doch das Opfer wird zum Selbstverstümmler  gemacht.

Sichtbehinderung

Die Sicht des Fahrers war gehindert durch tiefstehende Sonne/Nebel/Regen/Dunkelheit…

Da konnte jemand nicht richtig gucken, hielt aber den Fuß auf dem Gas. Die Floskel entschuldigt ein extrem gefährliches Verhalten.

Sichthindernisse

Das Kind trat plötzlich zwischen Sichthindernissen hervor

Meist ein Synonym für geparkte Autos. Ob legal oder illegal geparkt, steht selten da. Ob Parkplätze und Übergänge sichtbehindernd angeordnet sind, auch nicht.

Stürzen

Die Fußgängerin stürzte bei dem Aufprall

Sie wurde schlicht und schrecklich umgefahren.

Touchieren

Der Wagen touchierte das Schulkind

„Erfassen“ (siehe oben) in pseudo-elegantem Französisch

Übersehen

Die Fahrerin übersah den Fußgänger

Meist eine schwere Verharmlosung. Die Fahrerin hat sein Opfer verletzt, verstümmelt oder gar getötet – durch Raserei, Unaufmerksamkeit oder in der Hoffnung: Der läuft schon nicht los. All das ist viel schlimmer als das schicksalhaft-entschuldigend wirkende „übersehen“.

Verkehr

Der Schüler betrat die Fahrbahn, ohne auf den Verkehr zu achten

Wer so schreibt, hält Autoverkehr für Gesamtverkehr – alle anderen zählen nicht. Wer als gehender Verkehrsteilnehmer dessen Reich betritt, stört und ist selbst schuld.

Zusammenstoß

Auto und Fußgänger stießen zusammen

War etwa der Fußgänger auf das Auto zugerannt? In der Wirklichkeit stößt nur einer, nicht beide.

Zuziehen

Siehe „sich verletzten“